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Michaela war sauer: Die 21-Jährige wusste, dass
es bald ein neues Album geben sollte - von O-Town. Ihre jüngere
Schwester hatte ihr damit schon ewig in den Ohren gelegen und sich
die CD gewünscht; zum Geburtstag oder zu Ostern oder zu Weihnachten,
ganz egal. "Ja, ja", war das Einzige, was Michaela dann
immer sagen konnte. Sie sagte es nicht, sie beschwichtigte, von
Oben herab. Als ob es sie nix angehen würde. "Boyband,
gecastet noch dazu", sollte es ihr verächtlich durch den
Kopf gehen. "was für kleine Mädchen...", wollte
sie denken. Doch sie schaffte es nicht. Nicht mehr, seit sie beim
letzten Konzert mit dabei war. Ihre Schwester sollte sie begleiten,
sie beaufsichtigen. Sie biss, um ihren Eltern einen Gefallen zu
tun, in den sauren Apfel. Doch vor Ort schmeckte der auf einmal
zuckersüß. "Wow, was für ein Sound. Und die
Songs sind ja der Hammer. Das sind ja Wahnsinnssänger. Und
wie die sich bewegen. Dazu noch mit einer eigenen, riesigen Band
- das gibt´s doch nicht!", so in etwa versuchte sie ihre
Gedankengänge zu kontrollieren als sie Ashley (* 1.8.1981),
Trevor (*16.11.1979), Erik (*23.9.1979), Dan (*4.9.1980) und Jacob
(*25.4.1980) das erste Mal live auf der Bühne sah. Ihre Schwester
sah sie nicht mehr - zumindest nicht während der Show. Seitdem
ist es um sie geschehen und sie wünscht nichts sehnlicher als
das neue Album.
Und nachdem es diverse Male verschoben wurde, kommt
es nun definitiv Mitte November in den Handel. "O Town 2"
wird es schlicht heißen und dabei handelt es sich um mehr
als nur um einen launigen Silberling, der einfach mal schnell produziert
wird, um eine vermeintliche Teenieband an den Fan zu bringen. Geht
schon deswegen nicht, weil die fünf Sänger/Musiker aus
den USA schon lange keine Teenies mehr sind, somit könnte es
sich höchstens um eine Twenband handeln. Ansichtssache. Tatsache
ist vielmehr, dass das Quintett aus einer Handvoll hoch begabter
junger Männer besteht, die es geschafft haben, bei "Making
The Band", dem US-Vorgänger von "Popstars",
ihre Tausenden von Mitbewerbern zu verdrängen. Dass dies im
Showbizmekka USA denkbar schwerer ist als etwa in Deutschland, dürfte
klar sein. Dass dieses TV-Format dem Kreativhirn von Lou Pearlman
entstammt, ist auch leicht nachvollziehbar. Denn der Airlinebesitzer
und Top-Produzent war Existenzgründer von Überfliegern
wie etwa `N SYNC und Backstreet Boys - oder neuestes Baby: Natural.
Die ersten Songs wie "Liquid Dreams" (Nr.
1 in den USA!) zeigten O-Town noch im Einheitsformat, bezogen auf
Kleidung, Style oder Formationstanz. Aber das hat sich bald geändert.
Nun macht jeder, was er will - nicht bockig oder aus Trotz, sondern
weil jeder einzelne O-Towner eine eigene Personality in sich trägt
und diese voller Elan in die Gemeinschaftsarbeit einbringt. Das
merkt man natürlich bei Live-Auftritten besonders, wenn die
Soloparts anstehen. Da zeigt sich auch die jeweilige musikalische
Vorliebe der jungen Männer: So ist Jakob der rockigste von
allen. Da steht er auf der Bühne und gibt mit der Gitarre in
der Hand den langhaarigen Metaller. Trevor wiederum ist vor allem
für Musik á la Boyz II Men oder Brian McKnight zu haben.
Erik bevorzugt Black Music generell, Dan ist vor allem für
Lauryn Hill offen und Ashley schließlich, der absolute Schwarm
der Fangemeinde, fühlt sich insbesondere beim Sound von Michael
Jackson oder Goo Goo Dolls am Besten aufgehoben. Die jeweiligen
Vorlieben sind bei "O-Town 2" deutlich zu hören.
Denn die Band hat sich nicht nur Songs schreiben lassen, u.a. von
Top-Leuten wie Nelly, sondern es auch selbst getan. Und das mit
feinem Händchen und großem Geschick. Schwer ist das immer,
wenn das erste Album (Platin-Debüt in den USA, bis dato 1,7,
Millionen Stück verkauft) bereits mit Songjuwelen gespickt
war - nehmen wir nur die Wahnsinnsballade "All Or Nothing",
die in Deutschland auf Platz 11 landete und zu den meist gespielten
Singles im Jahre 2001 zählte: In der Spitze 650 Plays pro Woche,
außerdem knapp ein halbes Jahr in den Top 100 der deutschen
Airplaycharts.
Aber letztlich entstand ein großer Wurf, das muss man bei
aller Bescheidenheit sagen. "These Are The Days" heißt
die erste Auskopplung und sie zeigt gleich an, wohin die musikalische
Reise geht, nämlich in härtere Gefilde: Der Pop gibt nun
einiges von seinem Terrain Preis, um dem Rock mehr Platz zu lassen.
Eine ganz klare Entscheidung, welche die fünf O-Towner selbst
getroffen haben. Da hat ihnen auch Mogul Clive Davis nicht dazwischen
gefunkt, denn der weiß ja nun bekanntlich, was gut ist. Warum
wohl war O-Town seinerzeit das erste Signing, das Mr. Platin auf
seinem neu gegründeten Label, mittlerweile Top-Erfolgslabel
J Records untergebracht hat?Aber natürlich sind auch Gänsehauterreger-Balladen
zu hören, so dass Michaela und ihre Schwester weiter träumen
können. So wie Zehntausende, die O-Town zu ihrer Lieblingsband
gemacht haben, viele Male zur beliebtesten Gruppe in den wöchentlichen
Lesercharts bei der "BRAVO", aber auch bei den Konkurrenten
"Yam!" und "Top Of The Pops", wo sich die Band
gegen scheinbar übermächtige Mitbewerber wie Britney Spears
oder Backstreet Boys und Westlife als beliebteste Formation oder
beliebteste Sänger durchsetzen konnte.
Natürlich hat Michaela offiziell schon seit Jahren nicht mehr
ihre Nase in die Teenypostille gesteckt, doch mittlerweile hat auch
sie begriffen, dass es eben auch Bands geben kann, die vielleicht
nicht unbedingt Jung und Alt geschmacklich gleich befriedigen können,
aber doch zumindest junge Leute und junge Erwachsene. Darin wird
sie sich bestätigt fühlen, wenn sie beim nächsten
O Town-Konzert versucht, in die vorderste Reihe zu kommen. Dann
darf sie nämlich nicht darauf hoffen, nur kleines Fußvolk
neben oder vor sich zu haben, da werden ihr junge Erwachsene das
Leben schwer machen. Vielleicht geht sie weiter hinter zu der Gruppe
Aufpass-Erwachsener, die aber aufgrund fortschreitenden Bewegungsdranges
einem auch ganz gerne Mal die Sicht nehmen. Und dafür muss
sich bei O-Town niemand schämen, die Jungs packen ihre Gäste
einfach auf musikalische Art bei den Hörnern.
Also Michaela: Geh´ zu Deiner Schwester, nimm
sie in den Arm und sag´ ihr. "O Town 2" kommt am
11.11.02 - kein Karnevalsscherz!
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